Jahresbericht 2000 des Instituts für Biochemie I (Molekulare Bioenergetik)
Direktor: Prof. Dr. Gebhard von Jagow (z.Z.
Dekan)
Komm. Direktor: Prof. Dr. Ulrich Brandt
1.
Mitarbeiter des Ärztlichen-/Wissenschaftlichen Dienstes
Landesbedienstete: Prof. Dr. U. Brandt, Prof. Dr. P. Geck, Prof. Dr. H. Schägger, Dr. S. Kerscher, Dr. K. Zwicker, Dr. S. Dröse, Dr. V. Zickermann
Drittmittelbeschäftigte: Dipl.-Biol. A. Eschemann, Dipl.-Chem. A. Garofano, Dipl.-Chem. L. Grgic, Dipl.-Chem. A. Stroh
2.
Lehre
Über die Pflichtveranstaltungen im
Biochemie-Unterricht für Mediziner hinaus wurden folgende
Unterrichtsveranstaltungen für Naturwissenschaftler durchgeführt:
- Seminar
für Doktoranden zu aktuellen Problemen der Molekularen Bioenergetik
- Beteiligung
an der Vorlesung im Graduiertenkolleg „Proteinstrukturen, Dynamik und
Funktion“
3.
Forschung
Über ihre Funktion als Kraftwerke der Zelle hinaus spielen Mitochondrien eine Schlüsselrolle bei Apoptose, Alterungsprozessen und vielen ererbten und erworbenen Krankheiten. Am Institut für Biochemie I erforschen wir die molekularen Grundlagen mitochondrialer Funktion und Dysfunktion.
Forschergruppe Prof. Dr. Brandt:
Der mitochondriale Komplex I trägt beim Menschen zu 40% des Protonengradienten über die innere Mitochondrienmembran bzw. der mitochondrialen ATP-Synthese bei. Zahlreiche Enzephalomyopathien und degenerative Erkrankungen des ZNS entstehen durch Mutationen in mitochondrialen oder nukleären Genen für Komplex I-Untereinheiten.
Die mitochondriale Atmungskette der obligat aeroben Hefe Y. lipolytica ähnelt der Atmungskette der Säugetiere und des Menschen, da sie, im Gegensatz zur Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae, einen aus mindestens 30 Untereinheiten bestehenden Komplex I enthält. Y. lipolytica, wurde daher in der Arbeitsgruppe als neuer Modellorganismus zur genetischen Analyse des Komplex I entwickelt. Die Gene für sieben nukleär codierte, hochkonservierte Untereinheiten wurden isoliert und sequenziert. Für sechs dieser Gene wurden Nullmutanten durch homologe Rekombination mit einem genetisch markierten Deletionsallel erzeugt. Das gesamte mitochondriale Genom, welches die Gene für sieben weitere hochkonservierte Untereinheiten enthält, wurde kloniert und vollständig sequenziert.
Y. lipolytica besitzt
außerdem eine alternative, nicht protonenpumpende NADH-Dehydrogenase. NDH2,
das Gen für dieses Enzym, wurde kloniert, sequenziert und deletiert.
Durch Studien an intakten Mitochondrien konnte gezeigt werden, dass Y.
lipolytica im Gegensatz zu anderen Pilzen nur eine externe, jedoch
keine interne NADH-Dehydrogenase besitzt. Durch die N-terminale Anheftung
einer mitochondrialen Lokalisationssequenz an das NDH2-Leseraster konnte interne Expression der alternativen
NADH-Dehydrogenase erreicht werden. Nur die interne, nicht aber die
externe Form des alternativen Enzyms kann die Elektronentransportfunktion
des Komplex I ersetzen. Sie bewirkt Resistenz gegenüber Inhibitoren von
Komplex I und das Überleben von Komplex I-Nullmutanten.
Für Komplex I aus Y. lipolytica wurden zwei verschiedene Reinigungsverfahren
entwickelt. Nach Extraktion der mitochondrialen Membranen mit
Laurylmaltosid wird in zwei chromatographischen Schritten (Ionentausch-
und Gelfiltration) eine hochreine Enzympräparation erhalten. Die
Anheftung einer „His-tag“-Sequenz an die 30kDa Untereinheit ermöglicht
eine noch schnellere und effizientere Reinigung über Ni-Affinitätschromatographie.
Rekonstitution in Liposomen führt zum Aufbau eines Protonengradienten.
EPR-spektroskopische Untersuchungen zeigten, dass das bisher nur im
Komplex I aus Säugetieren nachgewiesene Eisen-Schwefel Zentrum N5 auch im
Hefe-Komplex I vorhanden ist. In Zusammenarbeit mit Prof. Kühlbrandt (MPI
für Biophysik, Frankfurt) wurde begonnen den isolierten Komplex mit Hilfe
der kryo-elektronenmikroskopischen Einzelpartikelanalyse zu untersuchen um
2D und 3D Strukturinformationen mit einer von Auflösung ca. 20 Å zu
erhalten.
Mehrere Mutagenese-Studien an Komplex I von
Y.
lipolytica wurden durchgeführt. Die funktionelle Bedeutung von
konservierten sauren Aminosäuren in der „PSST-homologen“ Untereinheit
von Komplex I konnte demonstriert werden. Individuelle Mutationen zeigten
erniedrigte katalytische Raten, veränderte Affinität zu Komplex
I-Hemmstoffen oder Strukturveränderungen am Eisen-Schwefel Zentrum N2.
Punktmutationen, die dem Leigh Syndrom zugrunde liegen, wurden in Y.
lipolytica rekonstruiert, die mutanten Enzyme gereinigt und in vitro
charakterisiert. Der Vergleich mit dem Effekt von Mutationen, die das LHON
Syndrom zur Folge haben, erlaubt einen ersten Ansatz zur Klassifizierung
und zur molekularen Diagnostik von Komplex I Defekten.
Durch den Vergleich mit entfernt mit Komplex I
verwandten Enzymen, den bakteriellen [NiFe] Hydrogenasen konnte zum ersten
Mal ein Modell für das katalytische Zentrum von Komplex I entwickelt
werden. Durch Mutagenese derjenigen Aminosäuren in Komplex I, die den
Cystein-Liganden des [NiFe] Zentrums und anderen hochkonservierten Aminosäuren
in den [NiFe] Hydrogenasen entsprechen, konnte dieses Modell gestützt
werden. Die Daten lassen den Schluss zu, dass das katalytische Zentrum
von Komplex I evolutionär direkt aus dem [NiFe] Zentrum der Hydrogenasen
hervorgegangen ist und stützen das von Brandt entwickelte
mechanistische Modell für die direkte Kopplung der Protonen-Translokation
und Ubichinon-Reduktion in Komplex I.
Diese Arbeiten wurden von der DFG im Rahmen des SFB
472 und durch ein Doktoranden-Stipendium des DFG-Graduiertenkollegs
"Proteinstrukturen, Dynamik und Funktion", sowie durch das
"Human Frontiers of Science" Program, den Fonds der Chemischen
Industrie und eine Kooperation mit der Aventis Crop Science AG, Frankfurt
gefördert.
Forschergruppe Prof. Dr. Geck:
In Zusammenarbeit mit H. Petrowski
(ZChir) wurden
Untersuchungen zu biochemischen Veränderungen während und nach kalter
Ischämie bei Rattenlebern fortgesetzt. Methoden zur Messungen der
Pyruvatdehydrogenase-Aktivität unter verschiedenen Stoffwechsellagen und
in Zellhomogenaten wurden verbessert.
Forschergruppe
Prof. Dr. Hermann Schägger:
1)
Die Atmungsketten von Hefen und Säugern bestehen nicht aus diffusiblen
Einzelkomplexen, wie bisher angenommen wurde, sondern aus definiert
zusammengesetzten Superkomplexen, die ihrerseits zu einem Netzwerk von
Superkomplexen assoziieren. 2) In der ATP-Synthase des Acetobacterium woodii bilden 3 verschiedene c-Untereinheiten ein
gemischtes c-Oligomer. 3) Die Chloroplasten ATP-Synthase wurde isoliert
und zwei-dimensional kristallisiert. 4) Die Protonen-transportierenden
NADH Dehydrogenasen aus Rinderherzmitochondrien und aus der Hefe Yarrowia lipolytica
wurden isoliert und charakterisiert. 5) Eine putative o-Methyltransferase
akkumuliert bei der Alterung von Podospora
anserina.
Die Arbeiten wurden von der DFG im Rahmen des SFB 472 (Molekulare Bioenergetik) und vom Fonds der Chemischen Industrie gefördert.