Jahresbericht 1999 des Instituts für Biochemie I (Molekulare Bioenergetik)
Direktor: Prof. Dr. Gebhard von Jagow (z.Z. Dekan und Ärztlicher Direktor)
Komm. Direktor: Prof. Dr. Ulrich Brandt
1. Mitarbeiter des Ärztlichen-/Wissenschaftlichen Dienstes
Landesbedienstete: Prof. Dr. U. Brandt, Prof. Dr. P. Geck, Prof. Dr. H. Schägger, PD Dr. T.A. Link, Dr. S. Kerscher, Dr. K. Zwicker, Dipl.-Chem. F. Djafarzadeh, Dipl.-Chem. Kashani-Poor
Drittmittelbeschäftigte: Dipl.-Chem. P. Ahlers, MSc M. Johannson, Dipl.-Chem. T. Merbitz-Zahradnik, Dipl.-Chem. J. Okun, Dipl.-Chem. O. Tautu, Dr. V. Zickermann
2. Lehre
Über die Pflichtveranstaltungen im Biochemie-Unterricht für Mediziner hinaus wurden folgende Unterrichtsveranstaltungen für Naturwissenschaftler durchgeführt:
Seminar für Doktoranden zu aktuellen Problemen der Molekularen Bioenergetik
Einwöchiges Praktikum für italienische Medizinstudenten im Rahmen des Austauschprogramms mit der Universität Bari, Italien
3. Forschung
Forschergruppe Prof. Dr. Brandt: Der
mitochondriale Komplex I ist beim Menschen zu 40% an der mitochondrialen ATP-Synthese
beteiligt. Zahlreiche Enzephalomyopathien und degenerative Erkrankungen des ZNS entstehen
durch Mutationen der Gene, welche für die sieben mitochondrial codierten Untereinheiten
des Komplex I codieren. Die mitochondriale Atmungskette der obligat aeroben Hefe Yarrowia
lipolytica ähnelt der Atmungskette der Säugetiere und des Menschen, da sie, im
Gegensatz zu der Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae, einen aus mindestens 30
Untereinheiten bestehenden Komplex I enthält. Y. lipolytica wird daher in der
Arbeitsgruppe als neuer Modellorganismus zur genetischen Analyse des Komplex I
entwickelt. Die Gene für sieben nukleär codierte, hochkonservierte Untereinheiten wurden
isoliert und sequenziert. Für sechs dieser Gene wurden Nullmutanten durch homologe
Rekombination mit einem genetisch markierten Deletionsallel erzeugt. Das gesamte
mitochondriale Genom, welches die Gene für sieben weitere hochkonservierte Untereinheiten
enthält, wurde kloniert, die Sequenzierung ist zu etwa 90% abgeschlossen. Y. lipolytica besitzt außerdem eine alternative, nicht
protonenpumpende NADH-Dehydrogenase. NDH2, das Gen für dieses Enzym wurde
kloniert, sequenziert und deletiert. Durch Studien an intakten Mitochondrien konnte
gezeigt werden, dass Y. lipolytica, im Gegensatz zu anderen Pilzen nur eine
externe, jedoch keine interne NADH-Dehydrogenase besitzt. Durch die N-terminale Anheftung
einer mitochondrialen Lokalisationssequenz an das NDH2-Leseraster konnte eine
interne Expression der alternativen NADH-Dehydrogenase erreicht werden. Nur die interne,
nicht aber die externe Form des alternativen Enzyms kann die Elektronentransportfunktion
des Komplex I ersetzen. Sie bewirkt Resistenz gegenüber Inhibitoren von Komplex I und das
Überleben von Komplex I-Nullmutanten. Mit der Erzeugung von Punktmutationen im Komplex I von Y.
lipolytica wurde begonnen. Diese Arbeiten bewiesen die funktionelle Bedeutung von
konservierten sauren Aminosäuren in der PSST-homologen Untereinheit von Komplex I.
Individuelle Mutationen zeigten erniedrigte katalytische Raten, veränderte Affinität zu
Komplex I-Hemmstoffen oder Strukturveränderungen am Eisen-Schwefel Zentrum N2. Der Komplex I von Bos taurus wurde aus mitochondrialen Membranen
mit Triton X-100 differentiell solubilisiert und über Hydroxylapatit- und DEAE Biogel A
Agarose-Säulenchromatographie in Anwesenheit von Detergenz isoliert. Durch den Wechsel
von Triton X-100 auf Laurylmaltosid auf der Biogel A Säule erhielt man einen voll
hemmbaren Komplex I mit ca. 80 % Proteinreinheit. Die abschließende Gelfiltration über
eine TSKgel G 4000 SW Säule lieferte eine Komplex I Monomerfraktion von 99 %
Proteinreinheit mit einem FMN und 23 Eisen pro Komplex sowie allen aus SMP bekannten
Eisen-Schwefel Zentren. Nach Rekonstitution des Komplex I in Liposomen konnte der Aufbau
eines Protonengradienten nachgewiesen werden. Auch für Komplex I aus Y. lipolytica wurden
Reinigungsverfahren entwickelt. Nach Extraktion der mitochondrialen Membranen mit
Laurylmaltosid wird in zwei chromatographischen Schritten (Ionentausch- und
Gelfiltration)
eine hochreine Enzympräparation erhalten. Die Anheftung einer His-tag"-Sequenz
an die 30kDa Untereinheit ermöglicht eine noch schnellere und effizientere Reinigung
über Ni-Affinitätschromatographie. Der Hefe-Komplex wurde auf seine Untereinheitenzusammensetzung hin
untersucht. In Zusammenarbeit mit Prof. Kühlbrandt (MPI für Biophysik, Frankfurt) wurde
begonnen den isolierten Komplex mit Hilfe der kryo-elektronenmikroskopischen
Einzelpartikelanalyse zu untersuchen, um Strukturinformationen im Bereich von ca. 20 Å
Auflösung zu erhalten. Diese Arbeiten wurden von der DFG im Rahmen des SFB 472 und durch ein
Doktoranden-Stipendium des DFG-Graduiertenkollegs "Proteinstrukturen, Dynamik und
Funktion", sowie durch das "Human Frontiers of Science" Program und eine
Kooperation mit der AgrEvo GmbH, Frankfurt gefördert. Forschergruppe Prof. Dr. Geck: In Zusammenarbeit mit H. Petrowski (ZChir) wurden Untersuchungen zu
biochemischen Veränderungen während und nach kalter Ischämie bei Rattenlebern
fortgesetzt. Methoden zur Messungen der Pyruvatdehydrogenase-Aktivität unter
verschiedenen Stoffwechsellagen und in Zellhomogenaten wurden verbessert. Forschergruppe Prof. Dr. Schägger Die mitochondriale ATP-Synthase aus Hefe wurde in dimerer Form
isoliert. Es wurden vier neue Proteine identifiziert und charakterisiert. Deletion des
Gens der neuen Untereinheit j führt zum Verlust der Assemblierung der
ATP-Synthase. Deletion der Gene der dimer-spezifischen Untereinheiten e und g
erlaubt die Assemblierung einer monomeren ATP-Synthase, nicht jedoch der dimeren Form. Das humane nephrotische Syndrom ist durch funktionelle Störungen von
Mitochondrien und verringerte Expression von Genen mitochondrialer OXPHOS Proteine
charakterisiert. Eine 4-Basen-Paar-Deletion im mitochondrialen Cytochrom b Gen ist Ursache
eines Parkinson/ MELAS Überlappungs-Syndroms. Die Arbeiten wurden von der DFG im Rahmen des SFB 472 (Molekulare
Bioenergetik) gefördert. Forschergruppe PD Dr. Link: Zur Untersuchung der Funktion des
"Rieske"-Eisen-Schwefel-Proteins des mitochondrialen Cytochrom bc1-Komplexes
wurden in Zusammenarbeit mit der Gruppe von Prof. Dr. B.L. Trumpower (Dartmouth Medical
School, Hanover/NH) in der Hefe Saccharomyces cerevisiae gerichtete Mutanten
untersucht, bei denen Aminosäuren ausgetauscht sind, deren Seitengruppen
Wasserstoffbrücken zum Eisen-Schwefel-Zentrum bilden. In diesen Mutanten korrelierte ein
erniedrigtes Redoxpotential des "Rieske"-Proteins mit einer verminderten
Elektronentransportaktivität des bc1-Komplexes. Spektroskopische
Untersuchungen zeigten, dass in den Mutanten die Struktur des Proteins erhalten war, aber
die Elektronenverteilung Unterschiede zum Wildtyp-Protein aufwies. Während die
Chinon-Bindung des bc1-Komplexes nicht gestört war, konnten
Unterschiede in der Bindung des Hemmstoffes Stigmatellin festgestellt werden. Dieser
Hemmstoff kann als ein Strukturanaloges des Semichinons gelten, das als Zwischenzustand
bei der Oxidation des Substrates Hydrochinon auftritt. Die unterschiedliche
Stigmatellin-Binding in den Mutanten deutet an, dass der Verlust der Aktivität des bc1-Komplexes
durch eine verringerte Stabilität des intermediären Semichinons erklärt werden kann. Die Arbeiten wurden von der DFG im Normalverfahren und durch ein
Doktoranden-Stipendium des DFG-Graduiertenkollegs "Proteinstrukturen, Dynamik und
Funktion" gefördert.